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Angst

Wenn einer keine Angst hat, hat er keine Phantasie
(Erich Kästner, 1899 – 1974)

Angst ist ja zunächst eine gesunde Reaktion auf eine direkte oder indirekte Bedrohung. Bei manchen Ängsten ist die Bedrohung aber schon sehr indirekt. Während meiner Ausbildung lebte ich in einer kleinen Kellerwohnung. Die Fenster waren zwar zu ebener Erde, der Rest aber unter Tage. Das war erstmal nicht weiter schlimm. Die Miete war (sehr) günstig und das zählte für mich. Bis ich im Herbst feststellte, dass andere potentielle Mitbewohner meine 4 Wände auch sehr verlockend fanden. Spinnen! Nicht diese kleinen harmlosen, mit den fast unsichtbaren Beinchen, nein: Die fetten, schwarzen und auch braunen, bei denen man keine Lupe braucht um eine dichte, wuschelige Behaarung zu erkennen. ENTSETZLICH!!!

Ich wusste natürlich, dass diese Lebewesen im Zweifel mehr Angst vor mir haben, als ich vor ihnen, und sie für mich in keiner Hinsicht eine Bedrohung darstellen (trotz meiner gegenteiligen Phantasien), aber der Ekelfaktor war schwer zu toppen. Das Lüften musste ich der Sachlage anpassen: Von meinem mageren Einkommen musste ein Fliegengitter finanziert werden. Damit war die Invasion aber nicht gestoppt. Die Krabbeltierchen quetschten sich einfach unter der geschlossenen Wohnungstür durch. Eine Decke in diesen Schlitz gestopft brachte aber auch keinen finalen Schutz. Durch irgendein Loch flutschten sie immer hinein. Mir war klar, dass die sichtbaren Spinnen auf Teppich, Wand, Lichtschalter usw. nur die Spitze des Eisberges darstellten. In den Korb mit meiner Strickwolle mochte ich nicht mehr hineineinfassen. Langsam entwickelte ich ein feines Gespür für ihre unsichtbare Anwesenheit. Glaubt es oder glaubt es nicht: ab einer gewissen Größe knacken die Tierchen beim Laufen. Wenn ich dann im Dunkeln im Bett lag, und versuchte zu schlafen, ließ mir ein verdächtiges Knacken die Haare zu Berge stehen und an Ruhe war nicht mehr zu denken. Einmal war ich derartig durch den Terror der einfallenden Horden überreizt, dass ich in Panik auf der Jagd nach einer Spinne aus Versehen meinen einzigen Tisch zerlegte. Der darauf platzierte Mini-Fernseher purzelte auf den Boden wie aus einem Würfelbecher. Ich war mit den Nerven am Ende! Aber nach zwei langen Jahren konnte ich endlich umziehen. In den 4 Stock. Ohne Aufzug. Ein Stück Himmel auf Erden! Die Spinnen-Angst hatte sich so tief in mich hineingefressen, dass ich alle paar Tage einen überaus gründlichen Wohnungsputz vornahm. Alle Bücher wurden aus den Regalen geräumt, alle Schränke von den Wänden abgerückt und jede Ritze akribisch ausgesaugt. Hier gab es keine Untermieter – dafür tadellose Sauberkeit J.

Ein paar Jahre später kamen dann die Kinderchen. Mit den Kinderchen kam ein Garten. Mit dem Garten kamen auch wieder meine alten Mitbewohner. Doch nun konnte ich bei ihrem Anblick nicht mehr nach Herzenslust hysterisch loskreischen. Ich war Mutter und unterlag damit der Verpflichtung, ein gutes Vorbild zu sein. Das war eine harte Sache. Doch, welch ein Wunder: mit der Zeit gelang es mir, die Tierchen demonstrativ lächelnd mit Handfeger und Kehrblech mit einem freundlichen: „Na, du kleiner Racker, hast dich wohl verlaufen.“ aus dem Haus zu entfernen. Ich bin so stolz auf mich! Man kann Ängste also überwinden und sich weiterentwickeln – ich bin ein Beispiel dafür. Aber Phantasie sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt: Für viele sind Berge ein Traum, für mich auch – allerdings einer der unangenehmen Art. Um wieder einmal ein gutes Vorbild zu sein, begab ich mich vor einiger Zeit mit meinen Angehörigen in eine Gondel. „Augen zu und durch“, dachte ich mir. Jedoch blieb die Seilbahn auf freier Strecke stehen. Ganz tief unter uns ein reißender Gebirgsbach. Dann begann die Gondel durch den Wind heftig hin und her zu schwanken.  Kennt ihr diese Zeichentrickfilme, in denen sich jemand mit einem großen Hammer auf den Daumen schlägt und laut anfängt zu weinen? So klang ich. Ich weinte wie ein Springbrunnen. Meine Lieben sahen mich nur entsetzt und ein wenig peinlich berührt an. Zum Glück waren wir allein. Man kann sich seine Ängste nicht aussuchen! Aber auch dieses Handicap werde ich irgendwann überwunden haben! Vielleicht durch einen Fallschirmsprung … ?

Hab keine Angst vor Perfektion – du wirst sie nie erreichen
(Salvador Dali 1904 – 1989)

Für Fragen und Anmerkungen könnt ihr mich wie immer gerne unter gisela.unterloehner@isbw.de erreichen.

Habt keine Angst, ihr hört bald wieder von mir!