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Lügen

Eines Tages schwimmt die Wahrheit doch nach oben. Als Wasserleiche.
(Verfasser unbekannt)

Trotz aller guten Vorsätze habe ich kürzlich wieder in den Spiegel gesehen. Die Sachlage hat sich nicht verbessert: Die Haut meines Gesichtes bietet – insbesondere morgens – erhebliches Entfaltungspotential. Das finde ich sehr, sehr unerfreulich. Da begegnete mir kürzlich ein Artikel über ein geradezu magisches Wellness-Tool: „Der Rosenquarz-Gesichtsroller aktiviert die Selbstheilung der Haut und lässt sie sofort strahlender und frischer erscheinen. Der sanfte Druck bei der Anwendung aktiviert die körpereigene Kollagen- und Elastinbildung, die Haut wird praller und Falten“ – hört, hört – „werden geglättet“. Die tägliche Anwendung würde nur ca. 2 Minuten benötigen, der positive Effekt mich den Rest meines nun beglückten Lebens begleiten. Ich gebe zu: ich bekam vor Aufregung Herzklopfen und zittrige Hände! Super!! Das ist die Lösung!!! Die Bestellung war schon fast im Warenkorb (der Preis nicht unerheblich), da stolperte ich über ein paar Bewertungen. Ich mochte meinen Augen kaum trauen. Sie waren – bis auf ganz wenige – niederschmetternd. Die Kommentare reichten von total überteuert bis hin zu völlig nutzlos. Da wird also ein Produkt angepriesen, welches die zugesicherten Eigenschaften gar nicht besitzt. Schockierend! Da wird laut und schamlos gelogen und niemand klopft den Verantwortlichen dafür auf die Finger.

Lügen sind in der Werbung offiziell erlaubt! Das ist höchst unmoralisch! Wir würden nie so skrupellos die Unwahrheit von uns geben. Wirklich nicht? Untersuchungen zu diesem Thema sagen, dass wir im Durchschnitt 25 x pro Tag lügen. Andere Berichte sprechen sogar von bis zu 200 Mal. „Das kann doch gar nicht sein!“, höre ich euch sagen. Das dachte ich zunächst auch. Meine ich es aber jedes Mal ehrlich, wenn ich meinem Gegenüber einen „Guten Tag“ wünsche (… insbesondere, wenn mir dieser Jemand kürzlich eine Tür vor der Nase zufallen ließ)? Berichte ich auf die Frage: „Na, wie geht`s?“ von meinem bedauernswerten derzeitigen Befinden oder sage schlicht: „Gut“? Wie steht es mit anderen Wünschen wie z. B. „Guten Appetit“ – obwohl ein guter Appetit nicht immer gesundheitsfördernd ist? Über den Sinn oder Unsinn, als Reaktion auf höfliche Floskeln, meine Lebensgeschichte zu erzählen, lässt sich sicher streiten. Unstrittig ist jedoch, dass wir viel öfter die Unwahrheit sagen, als uns bewusst ist. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, meine eigenen – häufig sehr reflexartigen Äußerungen – künftig etwas kritischer zu überdenken.

Lügen begegnen uns also buchstäblich an jeder Ecke und manchmal entdecken wir die Wahrheit erst, wenn sie uns als Wasserleiche über den Weg geschwommen kommt.

Seid alle miteinander überaus herzlich gegrüßt von eurer Gisela 😉

Für Fragen und Anregungen könnt ihr mich wie immer unter gisela.unterloehner@isbw.de erreichen.